GAME OF FIFA Wie die Organisation die Welt regiert

Bald ist es wieder so weit: Am 14. Juni 2026 wird das erste Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft angepfiffen – dieses Mal in Saudi-Arabien. Schon die WM in Katar vor vier Jahren hatte weltweit für Empörung und Kritik gesorgt. Doch trotz aller Negativschlagzeilen und Boykottaufrufe hat sich daran scheinbar nichts geändert. FIFAs Status in der Welt ist unantastbar. Das ist in manchen Momenten schwer nachzuvollziehen. Am Ende ist es doch nur eine Sportart? Vielen ist nicht bewusst, wie einflussreich dieser Goliat von einem Sportverband wirklich ist, obwohl nun schon seit mehr als zehn Jahren Dokumente vorliegen, die deren Macht am Verhandlungstisch belegt. Der ehemalige Fußballspieler und heutige Senator Romário de Souza Faria fand klare Worte nach der Weltmeisterschaft im Jahr 2014 in Brasilien:

„Die FIFA kommt in unser Land und errichtet einen Staat im Staat. Sie kommen her, bauen den Zirkus auf, haben keine Ausgaben und nehmen alles mit.“

Sein Land habe nur Verluste gemacht und sich von der Organisation alles vorschreiben lassen. Denn die FIFA fordert bereits Zugeständnisse, bevor die Gastgeberwahl überhaupt gefallen ist. Jedes Bewerberland muss eine Garantieliste unterschreiben, um zur Wahl zugelassen zu werden. Über diese Garantieverträge war lange wenig bekannt, da sie von der FIFA unter Verschluss gehalten werden. Doch als die Niederlande mit ihrer gemeinsamen Kandidatur mit Belgien scheiterten, fasste man den Entschluss, dass man sich nicht mehr zum Schweigen verpflichtet fühlte. Die niederländische Regierung veröffentlichte ihre Bewerbungsunterlagen samt einer Liste von acht Garantien, die die Länder unterschreiben mussten.

1. Unbeschränkte Einreisebedingungen und Visa-Vergaben

Dies gilt für alle von der FIFA genannten Personen. Diese Menschen dürfen nur mit einer zufriedenstellenden Begründung ausgewiesen werden. Freie Anreise für alle WM-Teilnehmer zu fordern ergibt aus Sicht des Sportverbandes Sinn. Die FIFA kann nicht riskieren, dass Sponsoren, Spieler und Funktionäre aus politischen Gründen nicht in das Land dürfen. Jedoch garantiert ihr dies gegebenenfalls Zugang zu prekären Informationen, wenn sie die Erklärung für die Ablehnung einer Visa-Vergabe einfordert und ermöglicht jedem mutmaßlich zwielichtigen bis zu gefährlichen Mitglied der FIFA-Familie eine freie Anreise.

2. Aussetzung von Arbeitsschutzregelungen

Der Arbeitsschutz für Angestellte, wie die Beschränkung der Arbeitszeit, soll für diese Zeit suspendiert werden. Das betrifft vor allem diejenigen, die für Dienstleister in Verbindung mit der Weltmeisterschaft arbeiten. Und wie groß dieser Rahmen ist, lässt Raum für Interpretationen. Für Arbeitgeber und Sponsoren, die in Zusammenarbeit mit der FIFA stehen, kann dies zum Vorteil werden.

3. Steuerfreiheit

Das bedeutet, dass dem Staat von den Verkäufen von Tickets und Merchandise nichts zukommt und auch nicht von den Gewinnen der Sponsoren. So kann es sein, wie in dem Fall Südafrikas, dass die großen Investitionen die zusammenkommenden Kosten nicht decken können. Nur ein Zehntel der insgesamt 3,6 Milliarden Dollar konnte das Land wieder einnehmen.

4. Sicherheitsgarantie

Ein Kandidat muss sich verpflichten, für Sicherheit zu sorgen – organisatorisch wie finanziell eigenständig. Das Land Südafrika, Gastgeber der Weltmeisterschaft 2010, musste sich wegen seines „Kriminalitätsproblems“ besonders beweisen. Es wurden 56 FIFA-Gerichte mit 1500 Mitarbeitern aufgestellt.

Der Staatsanwalt Billy Downer erklärte dazu: „Sobald irgendetwas passiert – ein Raub, ein Diebstahl, ein Übergriff, störendes Verhalten oder jemand betritt das Stadion unerlaubt – sind sofort alle zur Stelle, um die Situation umgehend zu bewältigen.“ Die Journalistin Marina Hyde vom Guardian beobachtete vor Ort:

„Zwei Simbabwer, die an einem Mittwoch einige ausländische Journalisten ausgeraubt hatten, wurden am Donnerstag verhaftet und traten am Freitag ihre 15-jährigen Haftstrafen an.“

Hyde zweifelte an der Sinnhaftigkeit dieser Einrichtungen. Häufig ging es nur um kleine Delikte: „Ein typischer Fall betrifft einen Mann aus Soweto, der zwei Dosen Cola, zwei Mini-Dosen Sodawasser und eine Mini-Dose Limonade aus einer Corporate-Hospitality-Lounge im Soccer City entwendete.“

5. Unbeschränkter Import und Export

Alle von der FIFA genannten Individuen und Unternehmen muss freie Hand im Handel gelassen werden. Wer auf der Liste steht, darf ins Land. Und dies liegt wieder in den Händen der FIFA. In diesem Fall scheint die Organisation weniger Sicherheitsbedenken zu haben. Denn diese Garantie könnte beispielsweise Geldwäsche Tür und Tor öffnen.

6. Verkaufsmonopole für Sponsoren

Nur Sponsoren dürfen im Umkreis der Stadien ihre Produkte verkaufen. Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien war Einheimischen untersagt, Spezialitäten in der Nähe von Stadien zu verkaufen. Zu den Sponsoren zählen Coca-Cola, Adidas, Hyundai/Kia, Visa, Qatar Airways, Gazprom, Budweiser, McDonald’s oder Vivo. Brasilien musste sogar ein eigenes Gesetz verabschieden – den sogenannten Budweiser Bill, da Alkohol in Stadien seit 2003 verboten war. Budweiser durfte dennoch verkaufen.

7. Infrastruktur für Kommunikation und Streaming

Der Staat muss Infrastruktur für Kommunikation und Streaming bereitstellen – was erhebliche Investitionen bedeuten kann.

8. Haftungsübernahme durch den Staat

Die Regierung muss garantieren, für jegliche Probleme rechtlich verantwortlich zu sein und Schadensersatz zu übernehmen. Die FIFA trifft keine Verantwortung und hat freie Hand. Der Fußballverband stellt diese Forderungen im Wissen, dass er es sich leisten kann. Ohne ihn findet keine Fußball-Weltmeisterschaft statt. Fußball ist nicht nur eine Sportart – er ist ein Massenphänomen und ein politisches Druckmittel. Berühmt ist eine Aussage des ehemaligen FIFA-Generalsekretärs Jérôme Valcke bei einer Pressekonferenz 2013 in Rio de Janeiro:

„Ich werde etwas sagen, das verrückt klingt: Weniger Demokratie ist manchmal besser, um eine Weltmeisterschaft zu organisieren.“

Eines muss man der FIFA lassen: Sie macht keine halben Sachen.

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