Die Rückkehr der Räucherstäbchen

Warum komplementäre und alternative Medizin immer beliebter wird

Man sitzt auf schlicht gepolsterten Stühlen und blickt auf cremefarbene Wände, bunte Broschüren und abstrakte Gemälde. Die Atmosphäre im Wartezimmer kann einen benommen machen. Während man darauf wartet, aufgerufen zu werden, schaut man jedes Mal auf, wenn jemand vorbeigeht. Für viele Patienten entsteht dabei ein unangenehmes Gefühl der Leere.

Dieses Gefühl endet abrupt, wenn der Arzt den Namen aufruft. Kurz darauf sitzen sich Arzt und Patient gegenüber. Einen Menschen vor sich zu haben, auf den man all seine Hoffnung setzt, lässt selbst erwachsene Menschen wieder wie Kinder fühlen. Meistens werden Probleme erkannt und Lösungen gefunden. Medizinisches Personal arbeitet jeden Tag hart daran, allen Patienten zu helfen.

Doch es gibt auch Situationen, in denen Patienten die Praxis verlassen und sich noch missverstandener und allein gelassener fühlen als zuvor. Oft hat das nichts mit den vorhandenen Ressourcen im Gesundheitssystem zu tun.

Unzufriedenheit mit der Schulmedizin führt zur Suche nach Alternativen

Eine Studie des Forschungsprojekts EUprimecare aus dem Jahr 2014 untersuchte die Zufriedenheit von Patienten mit der medizinischen Grundversorgung in sieben europäischen Ländern: Deutschland, Spanien, Estland, Finnland, Ungarn, Italien und Litauen.

Interessanterweise hatten die unterschiedlichen wirtschaftlichen Ressourcen der Länder kaum Einfluss auf die Ergebnisse. Deutschland – ein wirtschaftlich sehr starkes Land – wies mit nur 59,6 Prozent die niedrigste Zufriedenheit der Patienten auf. Das höchste Zufriedenheitsniveau erreichte dagegen Italien, ein Land, das in den vergangenen Jahren wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte: 87,4 Prozent der Befragten waren mit der medizinischen Grundversorgung zufrieden.

Ein Teil der unzufriedenen Patienten wendet sich daher der komplementären und alternativen Medizin (CAM) zu. Dieser Begriff umfasst verschiedene Methoden, darunter Akupunktur, Aromatherapie, Chiropraktik, Pflanzenheilkunde, Homöopathie, Meditation, Naturheilkunde, Osteopathie, Pilates und Yoga.

Unzufriedenheit mit der Schulmedizin ist einer der drei Hauptgründe, warum Menschen solche Methoden nutzen. Die anderen beiden Gründe sind die Erwartung eines gesundheitlichen Nutzens sowie das Gefühl, dass diese Methoden besonders sicher seien. Eine Studie von Helen Boardman und Kollegen aus dem Jahr 2020 fasst dies zusammen:

„Unzufriedenheit mit der konventionellen Medizin und positive Einstellungen gegenüber CAM motivieren Menschen, alternative Methoden zu nutzen. Zufriedenheit mit der konventionellen Medizin und negative Einstellungen gegenüber CAM sind dagegen die Hauptgründe dafür, sie nicht zu nutzen.“

Es gibt also klare „Push- und Pull-Faktoren“, die Menschen langfristig beeinflussen. Eine Studie im Ochsner Journal (2012) zeigte außerdem, dass die Nutzung und Akzeptanz komplementärer Medizin zwischen 1990 und 2006 in allen untersuchten Ländern deutlich gestiegen ist. CAM ist damit ein globaler Trend, der sich voraussichtlich weiter fortsetzen wird.

Forschung zur Nutzung alternativer Medizin

Eine Forscherin auf diesem Gebiet ist Audrey Bochaton, Geografin an der Universität Paris Nanterre. Sie begann sich mit dem Thema zu beschäftigen, als sie Brustkrebspatientinnen interviewte und ihre Wege durch das Gesundheitssystem untersuchte.

Dabei verglich sie beispielsweise Patientinnen aus städtischen Regionen mit Frauen aus ländlichen Gebieten. Während dieser Gespräche fiel ihr auf, dass die Frauen sehr unterschiedliche Therapieformen wählten. Neben der klassischen medizinischen Behandlung greifen viele Patientinnen auch auf Methoden der komplementären Medizin zurück.

Allerdings erhält nicht jede Patientin solche ergänzenden Behandlungen. Diese Beobachtung weckte Bochatons Interesse an weiterer Forschung.

In Frankreich wird komplementäre Medizin überwiegend im privaten Gesundheitssektor angeboten. Das bedeutet, dass für manche Patienten finanzielle Hürden bestehen. Dass diese Methoden im öffentlichen Gesundheitssystem kaum verfügbar sind, ist kein Zufall: Viele französische Mediziner stehen der komplementären Medizin weiterhin skeptisch gegenüber.

Ärzte fühlen sich bei der Behandlung von Krebspatienten oft hilflos

Bochaton interviewt derzeit Ärzte darüber, wie komplementäre Behandlungen in den letzten zehn Jahren in ihren Einrichtungen eingeführt – oder eben nicht eingeführt – wurden.

Ein Ergebnis zeichnet sich bereits ab: Viele Ärzte, die Krebspatienten behandeln, fühlen sich hilflos, wenn es darum geht, Nebenwirkungen zu lindern und Patienten durch die lange Behandlungszeit zu begleiten. Daher sehen manche von ihnen einen Bedarf an ergänzenden Methoden.

Dabei geht es nicht darum, konventionelle Behandlungen zu ersetzen, sondern sie zu ergänzen. Nach Beobachtung von Bochaton bewegt sich derzeit etwas im Gesundheitswesen: Trotz der Skepsis vieler Fachleute werden immer mehr komplementäre Methoden in medizinische Einrichtungen integriert. In zukünftigen Studien möchte sie außerdem regionale Unterschiede untersuchen und verschiedene Länder miteinander vergleichen.

Alternative Medizin ist besonders in reichen Ländern verbreitet

In einigen europäischen Ländern – etwa Dänemark, Schweden, Finnland und Deutschland – ist komplementäre Medizin bereits teilweise in das öffentliche Gesundheitssystem integriert. Im deutschsprachigen Raum ist vor allem Homöopathie verbreitet. Das hängt unter anderem mit ihrer Geschichte zusammen: Der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, war Deutscher und hat bis heute eine große Anhängerschaft. Eine Studie aus dem Jahr 2008 ergab, dass 73 Prozent der Deutschen im Jahr 2002 mindestens eine Form komplementärer Medizin genutzt haben.

Außerdem gibt es in Deutschland staatlich zugelassene alternative Heilpraktiker, die entsprechende Behandlungen anbieten. Interessanterweise zeigen Studien, dass alternative Medizin besonders häufig in wohlhabenden Ländern genutzt wird. Eine Untersuchung von Erlend L. Fjær und Kollegen aus dem Jahr 2020 stellte fest, dass höhere Gesundheitsausgaben eines Landes mit einer stärkeren Nutzung von CAM zusammenhängen.

Auf den ersten Blick wirkt das paradox. Doch alternative Behandlungen zusätzlich zur konventionellen Medizin sind oft teuer – und damit eher für wohlhabende Gesellschaften erschwinglich.

Alternative Methoden als Lifestyle und Selbstbestimmung

In der heutigen Internetkultur werden ständig neue alternative Ernährungsformen, Nahrungsergänzungsmittel und natürliche Schönheitsprodukte beworben. Ein bekanntes Beispiel war der Gesichtsroller aus Rosenquarz, der 2021 auf Social Media populär wurde. Komplementäre Medizin ist besonders bei mittelalten Frauen verbreitet. Dafür gibt es mehrere mögliche Gründe. Zum einen fühlen sich viele Frauen im Gesundheitssystem nicht ausreichend berücksichtigt. Zum anderen möchten viele Eltern ihre Kinder mit scheinbar natürlichen und sanften Methoden behandeln – was sich beispielsweise auch in Impfkritik bei manchen jungen Eltern zeigt. Außerdem erfüllt CAM ein Bedürfnis, das die klassische Medizin kaum bedienen kann: das Gefühl, aktiv an der eigenen Gesundheit mitzuwirken. Gerade Menschen mit chronischen Beschwerden möchten nicht nur passive Patienten sein, sondern eine aktive Rolle im Umgang mit ihrer Krankheit einnehmen.

Ein emotional geführter Konflikt

Die Debatte über alternative Medizin wird sehr emotional geführt. Viele persönliche Überzeugungen und Gefühle sind im Spiel. Zugleich fehlt für manche Methoden der wissenschaftliche Nachweis ihrer Wirksamkeit. Diese Frage muss geklärt werden, bevor eine stärkere Integration in das Gesundheitssystem erfolgen kann. Wichtig ist außerdem, verschiedene Methoden differenziert zu betrachten. Yoga und Homöopathie in dieselbe Kategorie zu stecken wird beiden nicht gerecht. Jede Methode muss einzeln bewertet werden: Welche Wirkung hat sie wirklich? Welche Vorteile kann sie der Öffentlichkeit bringen?

Gleichzeitig wäre es gefährlich, das Feld der empathischeren und ganzheitlichen Medizin allein antiwissenschaftlichen Gruppen oder kommerziellen Interessen zu überlassen. Der einzige Weg besteht darin, neue Formen der Unterstützung für Patienten zu entwickeln und das Gesundheitssystem weiterzuentwickeln.

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